Offener Brief an meinen Sohn

Hallo mein Großer,

es freut mich immer wieder, wenn Du so jedes Monat mal anrufst und mir erzählst wie du beruflich gut da stehst. Ich hör gern dann deine Stimme und es tut gut zu wissen, dass die Entscheidung eine Putzstelle anzunehmen, damit du studieren kannst richtig war.

Erinnerst du dich noch an meinen 50zigsten Geburtstag vor vier Jahren. Wie haben wir beide wieder einmal zusammen gelacht und dies obwohl ja Papa nicht mehr da war damals.

Die Asbestbelastung von der Fabrik war zuviel für seine Lungen haben die Ärzte mir gesagt.

Putzen geh ich nicht mehr. Ich sei mittlerweile zu alt und kränklich,meinten die in der Firma und haben mich bei der letzten Grippe im Krankenstand gekündigt.

Der Abschied von den Kollegen nach über 26 Jahren war hart. Aber gut irgendwann wäre es sowieso gewesen. Das Arbeitsamt schickte mich zu einem PC Kurs. Ich kann jetzt auch im Internet surfen so wie du immer erzählt hast. Den Luovre habe ich mir angesehen. Sieht schon schön aus da drin. Hinkommen werde ich ja nicht, aber die Bilder sind herrlich.

Weißt ich schreibe dir dies alles, weil vor lauter stolz auf dich habe ich nach deinem Namen gesucht. Über diese einfache Suchmaschine. Ich habe deine Visitenkarte gefunden, deine Firma und ich fand all die Einträge in Kommentaren und Foren, wenn du wo mitdiskutiert hast.

Ich las, wie du schriebst:“Wer arbeiten mag findet eine“. „Wer von Hartz IV lebt, soll froh sein, wenn er was bekommt.“ Die meisten Hartz IVler,so hast du geschrieben, sind sowieso nur Schmarotzer und gehören einfach weg.

Dass ich eine verantwortungslose Mutter bin, das hat ein bisschen weh getan, als ich das las. Den Fernseher noch vom Papa, den habe auf dieser Plattform versteigern können.

Kann Dir da nur zustimmen. Was meiner Meinung nach völlig zu kurz kommt bei der Diskussion um Kinder von Hartz-IV-Empfängern sind die Eltern. Die sind hauptverantwortlich für die Situation, weil sie Kinder in die Welt setzen, ohne ihnen eine finanziell gesicherte Situation bieten zu können. Gegen verantwortungslose Eltern kann der Staat wenig machen.

Aber dann las ich es nochmal und wusste, du kannst ja damit nicht mich meinen, denn als du kamst, da hatte ich damals Arbeit.

Ich habe auch Deinen Beitrag da gelesen. Du hast den schwarzen Humor von deinem Papa, doch weißt, in dem neuen Viertel wo ich hinziehen muss, da war ich schon. Da wohnen viele, aber solche Leute gibt es dort nicht.

Jetzt gehör ich dann auch dazu, zu denen, über die man lacht. Es tut mir so leid für dich mein Sohn, dass deine Mutter jetzt a „Schand“ geworden ist.

Beruflich ist es für dich sicher schwer in dieser Welt. Durchsetzen musst du dich und deine Stellung bewahren. Bei all dem Stress, den du immer hast, wie du mir erzählst, wenn du wieder nicht kommen kannst, mag ich dir doch jetzt auch nicht zur Last fallen.

Es wäre für deine Karriere sicher nicht gut, wenn die Leut erfahren würden, dass deine Mutter jetzt auch so ein Hartz IV Fall ist. Aber so wie ich es schaffte dein Studium zu verdienen so schaff ich es jetzt auch.

Bei der Beerenernte hätten sie viele genommen, das fand ich auch durch die Suchmaschine. Ist wirklich eine tolle Sache die neue Technik. Doch als ich dort war, man hat mir ja den Stellenvorschlag gegeben, da sagte der nur: „Was wollen sie denn hier?“. Sie sind zu alt und eine Frau.

Naja, er hat schon recht, der Mann. Mein Kreuz schafft das nicht mehr die wirklich schwere Arbeit.

Und da ich ja bald dann Hartz IV Geld bekomme muss ich auch die Krankenversicherung wechseln, weil die jetzige meinte, ich könne die Beiträge dann eh nimmer zahlen. Die sorgen wirklich für einen. Hätten die mir den Brief nicht geschickt, hätte ich da vielleicht vergessen.

Ich habe schon meine Lebensversicherung, die die Papa damals für mich machte, verkaufen müssen, weil das so ist haben die mir am Amt gesagt. Die reicht jetzt noch für drei Monate, dann muss ich in das andere Viertel ziehen. Naja recht haben die schon, die 65m² Wohnung ist für mich allein vielleicht wirklich zu groß. Schade ist dann nur, dass ich dann die alte Nachbarin nicht mehr versorgen kann. Das wäre zu weit weg und soviel Fahrgeld ist bei 375€ dann nicht mehr drin.

Das Internetcafe wo ich jetzt bin werde ich dann auch nicht mehr sooft nutzen können. Ist schade, weil da stehen oft Stellen drin, aber es kostet halt soviel alles. Froh bin ich nur, dass es dir gut geht,mein Sohn. Du hast ja recht, wer von anderen lebt hat keine Ansprüche zu haben, die anderen müssen ja alle so wie du das Geld hart verdienen. Brauchen tu ich ja nicht viel. Manchmal erinnere ich mich an die Freundinnen, die wo ich immer am 3. Mittwoch war nach der Arbeit. Manche fragt noch nach mir, aber wie erzähl ich ihr, dass ich das Geld nicht habe fürs Essen gehen.

Dein Papa tät sich freuen, weil meine Haare wieder so lang sind. Ist einfach besser so, da spart man mehr , wenn man nicht mehr zum Frisör geht.

Ich rede schon wieder so viel wie früher. Was ich dir schreiben wollte ist, wenn ich jetzt dann umziehen muss in das andere Viertel und die kleinere Wohnung, habe ich ja kein Telefon mehr. Du hast es eh immer so eilig musst mir keinen Brief schreiben. Ich weiß ja auch so, dass du gut Karriere machen wirst.

in Liebe
Deine Mutter

PS:

Ich denke daran wie du dich über dein erstes Fahrrad gefreut hast. Weil du so stolz warst eines zu haben , aber der Nachbarbub noch nicht. Und bei dem Aufschwung bin ich vielleicht auch wieder mal dabei. So wie früher.

~~~~~

Es könnte auch deine und deine und auch deine Mutter sein….

ich ersuche dringend – diesen Brief als das anzusehen was er ist – eine Mahnung an alle, die glauben HartzIV sind immer nur die anderen – die Protagonisten in diesem Brief gibt es *so* – aber ich bin es nicht.

Veröffentlicht von

monika

I love WordPress, handcrafts and Google. I'm a professional WebDesigner and I know something about Internet Marketing. Ich mag WordPress, alles was mit Handarbeiten, Stempeln zu tun hat. Beruflich bin ich WebDesign und Fachfrau für WordPress seit mehr als 10 Jahren.

5 Gedanken zu „Offener Brief an meinen Sohn“

  1. Ein bewegender Brief, der einen wirklich nachdenklich macht. Ich wünsche dir viel Kraft und finde es toll, dass du den Schneid hast, so etwas persönliches ins Internet zu setzen… vielleicht regt es auch deinen Sohn zum Grübeln an.

    LG!

    Jens

  2. stimmt nachdenklich
    aber leider übertrifft die wirklichkeit das alles bei weitem

  3. Wieviel Mut muss man besitzen, um so offene Gedanken zu veröffntlichen! Hut ab, meinen Respekt hast Du.
    Herzliche Grüße, olyly

  4. Danke Monika !

    Ich gehe nach dem letzten Absatz, und auch aus anderen Artikeln von Dir, davon aus, dass dieser Brief nicht Deine eigene Lebenssituation wiedergibt !?

    Dieser offene Brief spiegelt jedenfalls genau den Egoismus, die Selbstgefälligkeit und Gedankenlosigkeit wieder, die in der heutigen Zeit bei vielen vorherrscht.
    Aber wehe, wenn solche Menschen selber in diese Mühle geraten und alles verlieren was sie sich aufgebaut haben… dann ist das Geschrei riesengroß.

    Liebe Grüße
    Gaby

  5. Hi Gaby nein dies ist nicht meine Lebenssituation,
    ich wollt nur aufzeigen, dass es nicht immer die anderen sind, die in miese soziale SItuation kommen können,
    und ich kenne genug die durch Jobverlust im besten Alter vorm Disaster stehen. Nie daran geglaubt, dass es sie treffen könnte und daher orientierungslos in all dem was jetzt so für sie da ist oder eben nicht mehr.

    lg

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